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Auf dem Weg zum "öffentlich-rechtlichen Internet"? – Virtueller Rundfunk

Auf dem Weg zum "öffentlich-rechtlichen Internet"?

Aus Virtueller Rundfunk

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Skizze von Christoph Bieber[1]

Das Internet hat seine Feuerprobe als Wahlkampfarena bereits im Herbst 1998 bestanden - damals war der noch exotisch daher kommende Online-Wahlkampf gekennzeichnet von fröhlichem, relativ ungezwungenem Experimentieren. In den vergangenen vier Jahren hat sich das grundsätzlich geändert: im Zuge der fort schreitenden Professionalisierung von Politik-, Partei- und Kampagnenmanagement ist die Rolle der digitalen, interaktiven Medien weiter in den Mittelpunkt gerückt. Doch nicht nur für die „Politik-Hersteller" spielt die neue Medienumgebung eine wichtige Rolle, trotz Krise der ehemals „neuen" Wirtschaft wächst die Zahle der Onliner und damit auch die Zahl der potenziell online erreichbaren Wähler beständig. Im Frühjahr 2002 haben mehr als 26 Millionen Menschen regelmäßigen Zugang zum Internet, weitere gut 2 Millionen planen noch in diesem Jahr den Anschluss ans Netz - ein neues Massenmedium ist entstanden (vgl. Initiative D21 2002).

Den etablierten Medienanbietern als mittlerweile wichtigstem Träger des Wahlkampfs (vgl. die Beiträge in Dörner/Vogt 2002) ist diese Entwicklung natürlich nicht verborgen geblieben, sie bringen ihre Plattformen zur digitalen Wahlberichterstattung in Stellung und leisten so ihren Beitrag zur Formierung einer Arena politischer Kommunikation im Netz (vgl. Bieber 2002). Aus der Sicht eines Online-Akteurs, der seine Gründung dem innovativen Engagement im Bundestagswahlkampf 1998 verdankt, sollen nachfolgend Entwicklungstrends und Konzentrationsprozesse der Wahlberichterstattung im Internet zusammengefasst werden.[2] Stellvertretend für eine Vielzahl anderer Initiativen soll dadurch die zunehmend prekäre Situation skizziert werden, in die kleine, unabhängige Netzakteure geraten, wollen sie im Konzert der großen Online-Anbieter politischer Information mitmischen.

Dabei steht vor allem die Strukturierung und Formierung der digitalen Medienlandschaft und der politischen Öffentlichkeit im Vordergrund. Seit 1998 ist die Begleitung des Bundestagswahlkampfs zu einem durchaus lukrativen Geschäft geworden, das einerseits durch gezielten Mitteleinsatz wertvolle Beiträge zur politischen Bildung leisten kann, andererseits aber Abschottungstendenzen hervor bringt, die eine qualifizierte Wahlberichterstattung zur Domäne der Mainstream-Medien werden lässt. Mit dieser Entwicklung verbunden ist die Ausbildung einer digitalen Medienarena, die immer weniger Platz für nicht-kommerzielle, schwach organisierte oder im ursprünglichen Sinne "private" Anbieter bereit hält und somit den Charakter der medialen Vielfalt zu verlieren droht. Das ist insofern wichtig, als dass die nahezu gleichberechtigte Koexistenz verschiedenster Anbieter und die Besetzung medialer Nischen immerhin als wesentliches Merkmal und Besonderheit einer „politischen Öffentlichkeit im Internet“ gilt (vgl. dazu ausführlich Bieber 1999: 186-200).

Inhaltsverzeichnis

Politische Berichterstattung im Netz

Bei der Einschätzung der Gründe für die voran schreitende Kommerzialisierung der digitalen Medienlandschaft sind unterschiedliche Entwicklungen zu beachten. Ein wesentlicher Faktor ist sicher die ökonomische „Bereinigung“ der Anbieterstruktur im Internet durch die Krise der „Neuen Ökonomie“. Auch die Hoffnung, dass die Produktion gehaltvoller Inhalte der „Königsweg“ durch die Turbulenzen der virtuellen Medienlandschaft sei, erwies sich letztlich als trügerisch. Gestärkt gingen aus dem Ausleseprozess der letzten Jahre lediglich die politischen Akteure selbst und wenige „Großproduzenten“ politischer Information im Netz hervor, namentlich Formate wie „Spiegel Online“, „heute.t-online“ oder „tagesschau.de“. Bereits den raren Ausnahmestatus proklamieren dürfen das Online-Magazin „Telepolis“ aus dem Hannoveraner Heise Verlag, der Münchner Start-Up „politikerscreen AG“, hochschul-nahe Projekte wie e-politik.de und nicht zuletzt „politik-digital.de“ und "europa-digital.de“ unter dem Dach des Trägervereins „pol-di.net e.V.“.

Gestartet als Nischenanbieter für Nachrichten und Reportagen rund um das Themen-Segment „Politik und Neue Medien“ hat politik-digital seit der Gründung im Jahr 1998 wechselvolle Zeiten durchlebt. Der Boom der „Neuen Ökonomie“ in der Zeit nach der letzten Bundestagswahl bis weit ins Jahr 1999 hinein ermöglichte dem weitestgehend unentgeltlich arbeitenden Team ein angenehmes Entwicklungsumfeld: für das bis dato neuartige Format des „Politiker-Chats“ fanden sich Sponsoren, die das finanzielle Fundament für die Etablierung einer hauptamtlichen Redaktion und der notwendigen Infrastruktur lieferten, so dass rund um diese prominenten „Online-Events“ ein anspruchsvolles inhaltliches Umfeld entwickelt werden konnte. Doch die Schwierigkeiten bei der Akquise weiterer Unterstützer zeigten schnell, dass die redaktionelle Begleitung der politischen Modernisierungsprozesse durch Neue Medien kaum für die Konsolidierung eines Geschäftsmodells geeignet war. Dies hatte eine organisatorische Umorientierung zur Folge, die in der Gründung eines eingetragenen Vereins (pol-di.net e.V. - für eine demokratische und digitale Entwicklung der europäischen Informationsgesellschaft) mündete. Laut Satzung „steht dabei die Verbesserung der Möglichkeiten für eine demokratische Beteiligung der Bürger in Europa sowie für ein Mehr an Transparenz innerhalb der politischen Institutionen und Prozesse“ im Mittelpunkt der Vereinsarbeit (vgl. www.pol-di.net). Der wesentliche Leitgedanke dabei war, dass eine kommerziell unabhängige Organisation unter der Dachstruktur eines Vereins am besten geeignet sei, um Interesse zur Kooperation bei potenziellen Kunden und Partnern aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft wecken zu können.

Das dreiköpfige Kernteam arbeitet nun hauptamtlich an der Verwirklichung der Vereinsziele, während der ehrenamtlich tätige Vorstand wesentliche Ziele absteckt, Strategien entwickelt und bei Einzelprojekten mit Rat und Tat zur Seite steht. Die Mitglieder des Vereins rekrutieren sich aus den vielen freien AutorInnen sowie externen MitarbeiterInnen, die zur inhaltlichen Ausgestaltung der Website beigetragen haben. Darüber hinaus berät und unterstützt ein Kuratorium, zusammengesetzt aus Vertretern von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Verbänden die verschiedenen Vereinstätigkeiten. Die europäische Ausrichtung des Vereins resultierte aus den zahlreichen Anfragen aus dem Ausland sowie ersten Partnerschaften mit Interessenten aus der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und Österreich und trägt der "Internationalisierung der Thematik" Rechnung. Die auf den ersten Blick fragil erscheinende Organisation funktioniert maßgeblich durch die für viele im Umfeld des Internet entstandenen Akteure wichtige Struktur des Netzwerks. Der "inhaltlich-operative Kern", also das Anbieten von Online-Informationen rund um das Thema Politik in, mit und für Neue Medien (im Falle von europa-digital ausgeweitet auf allgemeine Sachverhalte europäischer Politik) mittels geeigneter Formen und Formate scheint von zahlreichen Personen als wichtig und unterstützenswert anerkannt zu sein. Die offenen Arbeitsstrukturen ermöglichen dabei Kooperationen in ganz unterschiedliche Richtungen, mit variabler Intensität. So hat es neben der Kooperation mit Institutionen der Bundespolitik, gemeinsamen Projekten mit Wirtschaftsunternehmen, Verbands- und Medienvertretern oder Hochschulen stets auch die Zusammenarbeit mit Bürgerinitiativen, anderen Online-Akteuren oder einzelnen Bürgern gegeben. In diesem lose verkoppelten Netzwerk, in dem es einige bezahlte und ungleich mehr unbezahlte Kooperationsbeziehungen gibt, liegt der wesentliche Grund für den großen Erfolg des Vereins pol-di.net und seiner beiden Online-Plattformen.

In Kenntnis der seitherigen Entwicklung des Projektes ist fest zu halten, dass die Entscheidung für eine „non-profit"-Struktur keineswegs falsch gewesen ist. Der unabhängige Verein pol-di.net e.V. hat den enormen Schwankungen des Neuen Marktes getrotzt und ist noch immer ein etablierter Akteur der politischen Informationslandschaft im Internet. Davon zeugt nicht zuletzt die breite öffentliche Anerkennung für verschiedene Facetten des Angebots, die sich in der Verleihung des „Grimme-Online-Awards Medienkompetenz 2001“ (an die Redaktion von politik-digital.de) und der Auszeichnung „Website des Jahres 2001“ von Yahoo! Deutschland (für europa-digital.de) niedergeschlagen hat.

Das Wahljahr 2002 stellt auch politik-digital.de vor neue Herausforderungen, da der bisher erreichte Informationsstandard gehalten, im Idealfall natürlich gesteigert werden soll. Dazu ist allerdings im gewandelten Medienumfeld ein erheblich größerer Ressourceneinsatz erforderlich als noch 1998. Um ein technisch adäquates, inhaltlich konkurrenzfähiges und internet-affines Online-Angebot zur Wahlberichterstattung zu konzipieren, zu entwickeln und schließlich umzusetzen, ist das weitgehend auf ehrenamtliche Arbeit gestützte Umfeld von politik-digital eigentlich nicht mehr geeignet: übersetzt in ökonomische Dimensionen ist für eine aktuelle, regelmäßig erscheinende, reichweitenstarke Website zum Thema ein Betrag im sechsstelligen Euro-Bereich erforderlich. Sicherlich sind auch günstigere Varianten denkbar, doch ist dann mitunter das "Versinken in der Datenflut" vorprogrammiert - die noch 1998 für Aufmerksamkeit sorgenden Linksammlungen oder spröde HTML-Dokumente locken inzwischen kaum noch einen Surfer hinter dem digitalen Ofen hervor. Die Kolonialisierung der Online-Öffentlichkeit durch reichweitenstarke, inhaltstiefe und - zugegebenermaßen - gute Websites der etablierten Medienanbieter hat sukzessive zu einer Hebung der Standards geführt, die gleichzeitig den Kreis potenzieller Informationsanbieter drastisch verkleinert. Wahlberichterstattung im Jahr 2002 zeichnet sich nun nicht mehr allein durch Kreativität, Originalität und Interaktivität aus, sondern auch - so widersinnig dies auf den ersten Blick klingen mag - durch Reichweite. Hierin liegt der vielleicht wichtigste Vorteil des medialen Netz-Mainstream: neben in der Regel ausreichenden finanziellen Mitteln verfügen die Online-Ableger von Print- und TV-Größen durch ihre Verbindungen quer über die Mediengrenzen hinweg auch über einen festen Nutzerkreis, vulgo: die Quote.

Mediale Reichweite aufzubauen und - beinahe noch wichtiger - zu erhalten, ist gerade für die unabhängigen, nicht-kommerziellen Online-Anbieter ein schwieriges Geschäft - während alle Kräfte für die Entwicklung und Pflege des Angebotes benötigt werden, müsste eigentlich an einer zweiten Front in nicht geringem Umfang Presse- und Marketing-Arbeit geleistet werden. Allerdings: auch dies kostet Geld, und keineswegs wenig. Somit sind "alternative" Anbieter von Online-Informationen einem mitunter schmerzhaften Spagat ausgesetzt: unter schwierigen Bedingungen müssen sie möglichst konkurrenzfähige Angebote entwickeln und dabei gleichzeitig eine reichweitenstarke Außenkommunikation organisieren. Dadurch scheint das Schicksal vieler innovativer Angebote vorgezeichnet - ist das eigene Konzept wirtschaftlich nicht tragfähig, droht die finanzielle Austrocknung oder der "Sell-Out" an einen ökonomischen Seniorpartner und damit möglicherweise der Verlust der inhaltlichen Souveranität. Im kommerziellen Segment der digitalen Welt könnte diese "Auslese" als logische Anwendung des Marktprinzips verstanden werden - innerhalb der politischen Öffentlichkeit ist aber gerade dieses Prinzip zugunsten einer demokratischen Vielfalt auszuhebeln.

Kooperationen - die Schlüsselidee?

Was bleibt in einer solchen Situation? Möglicherweise ist das Suchen eines geeigneten Kooperationspartners ein Ausweg aus dem skizzierten Dilemma, eines der wenigen Beispiele liefert etwa die Partnerschaft von "perlentaucher.de" mit dem Netz-Flaggschiff "spiegel-online". Allerdings droht dem Juniorpartner in einer solchen Kombination immer der Verlust von Aufmerksamkeit und Markenstärke, während der Seniorpartner wenig verlieren kann: das eigene Portfolio wird ergänzt und die Bordmittel werden geschont.

Für den Bundestagswahlkampf hat politik-digital seit Herbst 2001 in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung eine umfangreiche Online-Plattform zur Diskussion wichtiger Wahlkampfthemen entwickelt (vgl. www.wahlthemen.de). Parallel zu diesem Projekt erfolgt auch eine eigenständige redaktionelle Begleitung des Wahlkampfs, doch die Zusammenarbeit mit einem namhaften externen Partner scheint der Königsweg aus der digitalen Diaspora zu sein. Dabei können erworbenes Know-How und Expertise zum Themenfeld "Internet und Politik" als Beratungs- und Entwicklungsleistungen weitergegeben werden. Möglich wird auf diese Weise die Mitwirkung an umfangreichen und komplexen Projekten, die ohne ein solches "Partnering" zwar denkbar, aber nicht realisierbar sind. Und dennoch muss im Rahmen solcher Konstellationen stets auch ein Blick auf erreichbare Zielgruppen, öffentliche Aufmerksamkeit und den "Medien-Mainstream" geachtet werden - das "Diktat der Quote" ist auch in der klassischen politischen Bildung spürbar.

Die hier skizzierte Entstehung einer Art "Markt" für Online-Inhalte rund um den Bundestagswahlkampf ist keinesfalls als allein negative Entwicklung anzusehen. Das massive Eintreten kommerzieller Akteure - wie auch im Gegenzug die stärkere "Marktorientierung" etablierter öffentlicher Bildungsangebote - hat zu einer Qualitätssteigerung politischer Inhalte und Orientierungshilfen geführt. Zugleich erhalten dadurch auch die Online-Angebote politischer Parteien oder institutionelle Anbieter wie Parlamente und Regierungen ein starkes Gegenüber: die häufig ungefilterten und notwendigerweise parteilichen Informationen dieser Akteure bleiben in der Arena politischer Online-Kommunikation selten unkommentiert.

Freier Info-Markt oder "öffentlich-rechtliches Netz"?

Diese noch sehr bruchstückhaften Überlegungen zur allmählichen Entstehung eines Marktes für politische Informationsangebote im Internet verweisen unmittelbar auf die Frage nach dessen zukünftiger Organisation. Wie bereits angedeutet, nehmen inzwischen die Angebote etablierter Medienakteure eine zentrale Stellung auch in der Informationswelt des Internet ein. Da als besondere Qualität des neuen Mediums jedoch stets seine komplexe, dezentrale, weniger vermachtete, bisweilen "direkt-demokratische" Struktur hervorgehoben wurde, ist nun kritisch zu hinterfragen, was davon noch übrig geblieben ist.

Aus der Perspektive eines unabhängigen Online-Akteurs muss die Antwort lauten: nicht allzu viel. Wie zuvor skizziert, ist in der immer fernsehähnlicher werdenden Datenwelt des Internet die Erlangung einer bestimmten Reichweite zunehmend wichtiger geworden. Die dazu benötigten Ressourcen sind für kleine, nicht-kommerzielle oder private Informationsanbieter bald kaum noch erreichbar. So droht gerade der oftmals bunte, schillernde aber auch unbequeme Bereich der Netzinitiativen unter der Last der Unterhaltungsorientierung der Politik zu ersticken. Formate des "Politainment" erreichen allmählich auch das Netz und diese Formen der Politikdarstellung bevorzugen natürlich eher die "großen" Bühnen der Netzwelt, also die Websites von T-Online, AOL, Yahoo!, RTL oder ARD und ZDF. Solch "unterhaltende Politik" im Internet besteht häufig aus bunten Bildern, Filmsequenzen, kleinen Videospielen oder Quiz-Umgebungen, doch auch vermeintlich ernsthafte Formate wie der "Kanzler-Chat" auf RTL, von dem im Fernsehen mehr als im Internet zu sehen war, oder das digitale Familienalbum unter www.stoiber.de gehören in diese Kategorie.

An dieser Stelle lohnt ein Blick in Richtung USA: Anders als dort sind im deutschsprachigen Internet die so genannten "Watchdog"-Organisationen weniger präsent und die Online-Landschaft dadurch um einige kritische Stimmen ärmer. Seit Mitte der 90er Jahre haben sich in den USA zahlreiche Websites etabliert, die auf unterschiedlichen administrativen Ebenen tätig sind und vielfältige Materialien zur Arbeit professioneller Politiker sammeln, aufbereiten und veröffentlichen - beispielsweise eingenommene Spendengelder, das Abstimmungsverhalten im Parlament oder einfach widersprüchliche Aussagen zu politischen Sachthemen. Das themenorientierte Bündeln relevanter Informationen und die Vermittlung zwischen interessierter Öffentlichkeit und politischem Entscheidungsraum oder die von Bürgerseite ausgeübte Kontrolle politischer Prozesse und Personen ist hierzlande nur vereinzelt zu beobachten. Gerade das Internet bietet solchen Initiativen geeigneten Nährboden für ein "anderes" demokratisches Engagement und trägt zu einer Differenzierung der Online-Öffentlichkeit bei. An dieser Stelle gibt es zahlreiche Berührungspunkte zum zuletzt häufig diskutierten "bürgerschaftlichen Engagement" (vgl. Enquete-Kommission 2001). Viele der in den letzten Jahren entstandenen Informations-, Kommunikations- und Aktionsplattformen im Internet sind im besten Sinne Produkte solcher "Bürgerarbeit" - Betreiber, Programmierer, Autoren und Techniker erbringen den größten Teil ihrer Leistungen für ihre politischen Projekte im Internet ehrenamtlich. Typische Vertreter dieser noch kaum anerkannten "digitalen Vereinskultur" sind etwa „mikro.org“ (Verein zur Förderung von Medienkulturen, www.mikro.org), der „Förderverein Informationstechnik und Gesellschaft“ (FiTuG, www.fitug.de), das Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF, www.fiff.de) oder der „Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs“ (FoeBuD, www.foebud.org). In Deutschland gibt es bislang nur wenige solcher Akteure, die dem politischen Diskurs im Netz neue Impulse geben könnten. Umso schwerer wiegt daher die mehr oder weniger systematische Kolonialisierung der Online-Arena durch professionelle Medienanbieter.

Ein öffentlich-rechtliches Modell für das Internet?

Aus dieser Situation heraus resultiert die gelegentlich bereits gestellte Forderung nach der Einrichtung eines "öffentlich-rechtlichen Internet", das - unter anderem - eine Art "Schutzraum" für nicht-kommerzielle Online-Angebote herstellen und gewährleisten soll. Mit Blick auf die politische Öffentlichkeit im Netz sollte die Einrichtung einer solchen Zone vornehmlich der Sicherung einer demokratischen Stimmenvielfalt dienen und die fort schreitenden Kommerzialisierungstendenzen der Online-Kommunikation nicht zu einer totalen "Austrocknung" der unabhängigen Informationssphäre führen lassen.

Allerdings wird diese noch sehr sparsam geführte Debatte von einer unmittelbar verwandten Diskussion überlagert und bisweilen auch verwischt: "öffentlich-rechtliches Internet" meint nicht etwa den Ausbau und die Sicherung der Online-Angebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter. Im Zuge des Gebührenermittlungsprozesses hatten gerade die öffentlich-rechtlichen Fernsehanbieter eine Steigerung der Beträge für die Finanzierung leistungsstarker Online-Angebote gefordert, um gegen die Konkurrenz der Privatsender gewappnet zu sein.[3]

Ein im emphatischen Sinne "öffentlich-rechtliches Internet" umfasst jedoch weit mehr als nur die Websites der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Gewiss stellen diese Angebote Eckpfeiler einer solchen Konstruktion dar, doch im Zuge der umstrittenen Kooperationsanbahnungen zwischen ZDF und t-online wird dieser Ansatz bereits in Frage gestellt und unterlaufen. In eine "öffentlich-rechtliche Sphäre" des Internet wären dagegen auch solche Akteure aufzunehmen, die bisher in keinster Weise diesem Spektrum zuzuordnen wären. So repräsentiert politik-digital neben anderen bereits genannten Non-Profit-Akteuren beinahe schon so etwas wie einen "Online-Mainstream" - der öffentliche Raum des Netzes umfasst jedoch eine Vielzahl weiterer Akteure, aber auch einzelne Formate, die einen Beitrag zur offenen und demokratischen Ausgestaltung der Kommunikationsumgebung leisten.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik müsste zunächst einmal eine detaillierte Definition in Angriff nehmen, die den althergebrachten Begriff des "öffentlich-rechtlichen Rundfunks" auf die aktuelle Mediensituation überträgt und eine vergleichbare Konzeption unter Internet-Bedingungen entwirft. Bislang liest sich die Debatte um die Ausweitung der digitalen Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Senderkomplexes eher wie ein Versuch medialer Besitzstandswahrung, verbunden mit einem Abschottungsreflex gegenüber neuen Medienakteuren, die zwar nicht mit einem "öffentlichen Auftrag" ausgestattet sind, wohl aber "im Dienste der Öffentlichkeit" agieren. Der sich allmählich heraus kristallisierende öffentlich-rechtliche Auftrag für ein Internet-Engagement weist den Bereichen „Medienkompetenz“ und „Bildung“ eine Schlüsselrolle zu (vgl. Ridder 2002: 149) – gerade hier haben unabhängige, nicht-kommerzielle Akteure in den vergangenen Jahren besonders im Bereich Politik und Gesellschaft Akzente setzen können.[4]

Nach einer "Kartografierung" potenzieller Mitglieder einer derartigen kommunikativen Schutzzone könnte die Festlegung weiterer Elemente eines "öffentlich-rechtlichen Internet" erfolgen, denkbar wären etwa die Ausarbeitung eines Kodex' politischer Online-Kommunikation, die Auseinandersetzung mit umstrittenen Internet-Inhalten oder Überlegungen zum Schutz geistigen Bürgereigentums.

Nicht zuletzt könnte die "Institutionalisierung" einer öffentlichen Kommunikationssphäre im Netz auch eine Rückwirkung in Richtung der innerhalb des "dualen Systems" noch weit stärker vermachteten alten Medien entfalten. Die in einem emphatischen Sinne "politische" Notwendigkeit der Vision eines "öffentlich-rechtlichen Internet" wird derzeit am deutlichsten sichtbar beim Blick auf die Vorbereitungen der Fernsehduelle zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber. Ein eng verflochtenes Konglomerat aus Medien und Politik hat hier ein in jedem Fall modernes, möglicherweise auch wichtiges Wahlkampfformat okkupiert. Vor den Augen der ohnmächtigen Zuschauer wird die vermeintlich reiche Beute verteilt, zwischen ARD, ZDF, RTL und SAT1/PRO Sieben, zwischen SPD und CDU. Zu erwarten ist aus dieser Situation ein politisches Show-Spektakel, gerahmt von einer präzise ausgeklü(n)gelten Choreografie, mit chirurgischen Einschnitten nicht nur in die inhaltliche Gestaltung. Die gegenwärtigen Strukturen des "politisch-medialen Komplexes" lassen eine andere Organisation des TV-Ereignisses wohl nicht zu - ähnliche Entwicklungen drohen durchaus auch dem Internet als medialem Showroom. Ist auch online erst einmal eine ähnliche Konzentration erreicht, fällt die Aufteilung des Quotenkuchens nicht weiter schwer. Auf der Strecke blieben die vielen kleinen, unabhängigen Informationsanbieter, die die kommunikative Vielfalt des Netzes ausmachen und in demokratiepolitischer Perspektive eine wichtige Rolle für die Gestaltung der öffentlichen Sphäre des Internet spielen. Aus diesen Gründen erscheint eine breit angelegte Diskussion um die zukünftige Verfassung der medial vermittelten Öffentlichkeiten dringend notwendig, wenn nicht frühzeitig die noch immer vorhandenen Potenziale der digitalen Medienumgebung für die Modernisierung demokratischer Systeme im Keim erstickt werden sollen.

Bemerkungen

  1. Der Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Kurzvortrags anlässlich des Symposiums „Machtdarstellung und Darstellungsmacht“ am 3. November 2002 in Landau. Der Text soll den Gestus des „Zwischenrufs“ beibehalten und die Perspektive eines nicht-kommerziellen Internet-Akteurs widerspiegeln. Der Text ist ausdrücklich nicht als akademischer Beitrag zur noch jungen Diskussion um ein „öffentlich-rechtliches Internet“ zu lesen.
  2. Der Autor ist Vorsitzender von pol-di.net e.V., dem Trägerverein von politik-digital und europa-digital (vgl. www.pol-di.net, www.politik-digital.de und www.europa-digital.de).
  3. Vgl. dazu ausführlich die Dokumentation zum Symposion „Rundfunk Online“ in Media Perspektiven, Nr. 3/2002.
  4. Vgl. dazu etwa Preisträger und Nominierte zum Grimme Online Award im Bereich Medienkompetenz für die Jahre 2001 und 2002.

Literatur:

Bieber, Christoph (2002): Politische Projekte im Internet. Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit. Frankfurt/New York.

Bieber, Christoph (2002): www.wahljahr2002.de. Formate und Inhalte in der digitalen Politik-Arena. Erscheint in: Media Perspektiven. Nr. 6/2002.

Initiative D21 (Hg.) (2002): (N)Onliner Atlas 2002. Eine Topografie des digitalen Grabens durch Deutschland. Berlin.

Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestages (Hrsg.) (2001): Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft. Opladen.

Dörner, Andreas/Vogt, Ludgera (Hg.) (2002): Wahl-Kämpfe. Betrachtungen über ein demokratisches Ritual. Frankfurt.

Ridder, Christa-Maria (2002): Diskussionsbericht. In. Media Perspektiven, Nr. 3/2002. S. 148-149.


Biografische Angaben

Dr. Christoph Bieber (Jg. 1970) ist Politikwissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität der Universität Gießen und Vorsitzender von pol-di.net e.V., dem Trägerverein von politik-digital und europa-digital.

Veröffentlichungen u.a.: Politische Projekte im Internet. Online-Kommunikation und politische Öffentlichkeit. Frankfurt/New York, 1999.; "Elektronische" oder "Interaktive Demokratie"? In: Kritische Justiz, Nr. 2/2002, S. 180-196; (als Hrsg.) Parteipolitik 2.0. Der Einfluss des Internet auf auf parteiinterne Kommunikations- und Organsiationsprozesse. Bonn, 2001.

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